Archiv für den Monat November 2008

PM der (ake) zum 18. Thüringer antirassistischer und antifaschistischer Ratschlag in Erfur

Am Wochenende vom 7. bis 8.11.2008 fand in Erfurt der 18. Thüringer antirassistische und antifaschistische Ratschlag statt. Hierzu lud ein breites Bündnis aus Antifa-Gruppen, Gewerkschaften, Initiativen, Parteien, Vereine und Verbände ein.

Den Anfang machte der Mahngang am Freitagabend, welcher vor der alten Synagoge in der Waagegasse 8. begann. Dieser fand in Gedenken an die Reichspogromnacht vor 70 Jahren statt. In der Nacht vom 9. Zum 10. November 1936 wurde auch die Erfurter Synagoge am damaligen Kartäuser Ring (heute Juri-gagarin-Ring) von deutschen Faschisten in Brand gesetzt, fast 200 Erfurter Juden und Jüdinnen wurden festgenommen. Viele von ihnen später gefoltert und ermordet.

Aus diesem Anlass erinnerten ca. 140 Menschen an die Geschehnisse, indem sie von der Waagegasse, über Fischmarkt, Bahnhof und Anger zum Besetzten Haus (B-Haus) auf dem ehemaligen Geländer der Firma Topf & Söhne liefen. Auf diesem geschichtsträchtigen Gelände stellten in NS Zeiten die Firma Topf & Söhne, Krematorien sowie Teile von Gaskammern für Konzentrations- und Vernichtungslager her. Des Weiteren gehörte ein Teil des besetzten Geländes der Firma Linse, die die Aufzüge produzierte, die zum Transport der Leichen von den Gaskammern zu den Verbrennungsöfen eingesetzt wurden.

Im B-Haus konnten sich die Interessierten den Film „3 Tage im April“ anschauen. Dieser handelt von einem schwäbischen Dorf 1945 in Deutschland. Die Dorfbewohner finden eines Morgens drei abgekoppelte Waggons, in denen Juden und Jüdinnen in ein Konzentrationslager gebracht werden sollten. Die Dorfbewohner wollen, aus Angst vor den Konsequenzen, die Häftlinge so schnell wie möglich loswerden. Nur in einer Person finden die Verfolgten einen Mensch, der ihnen helfen möchte und dies auch tut.

Am Samstagmorgen begann der 18. Ratschlag mit einer Demo an der neuen Synagoge (Juri-Gagarin-Ring). Auf der Auftaktkundgebung las der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Martin Borowski, den Redebeitrag des Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen Wolfgang Nossen vor. Der Demozug führte mit ca. 200 Antifaschisten_innen über Bahnhof, Anger zum Veranstaltungsort, der Fachhochschule in der Altonaer Straße.

In dieser dann angekommen, konnte Mensch sich an dem Einführungsvortrag und folgender Diskussion mit Dr. Oliver Decker: »Ein Blick in die Mitte. Zur Entstehung rechtsextremer und demokratischer Einstellungen“, beteiligen. Vor dem Vorlesungsraum waren Infotische von beispielsweise dem Besetzten Haus, Flüchtlingsrat Thüringen, Antifaschistischen Koordination Erfurt (AKE) oder der FAU aufgebaut. Viele Antifaschisten und Antifaschistinnen informierten sich hier über Projekte, Termine oder Thematiken.

In der Workshopphase konnten die Interessierten in 14 Workshops Themen wie „Weißsein in Deutschland“, „rechte Kapitalismuskritik“, „Flüchtlinge in Thüringen“ und viele mehr bearbeiten. Zu erwähnen ist der Workshop „Handlungsstrategien gegen Rechts“ der AKE. Hier stellten die Akteure im vollen Seminarraum das Bündnis und sein  Arbeitsweise dar. In der anschließenden Diskussion mit 3 Vertreter_innen aus den beteiligten Gruppen wurden  Fragen der Workshopbesucher_innen beantwortet und über die Aufgaben, Möglichkeiten und Grenzen antifaschistischer vor-Ort-Arbeit in einem heterogenen Bündnis gesprochen. Einig waren sich die Teilnehmer-innen, dass sich antifaschistische Arbeit nicht auf bloße Reaktion auf faschistische Aktionen beschränken darf. Vielmehr gilt es vor allem, eigene Aktionen zu organisieren, die sich mit der rechtsextremen Politik und rechtsextremen Strukturen auseinandersetzen und gleichzeitig die Öffentlichkeit sensibilisieren und für den Kampf gegen den Neonazismus mobilisieren. Deutlich wurde auch, dass ein Bündnis flächendeckende antifaschistische Arbeit nicht leisten kann. Hierzu bedarf es der Einbeziehung bestehender örtlicher Projekte und Initiativen.

Mit dem Abschlussplenum, in dem sich die Organisator_innen und die Besucher_innen über das Erlebte austauschten, endete der 18. Ratschlag in Erfurt. Als Fazit bleibt, dass es gerade in Zeiten, in denen rechte Ideologien immer mehr Anhang finden, eine Veranstaltung wie der Ratschlag unabdingbar ist. Allerdings sollte jedem Menschen klar sein, dass es damit nicht getan ist. KEIN FUßBREIT DEN FASCHISTEN! KÜSST DIE FASCHISTEN WO IHR SIE TREFFT!

Einen herzlichen Dank an die Organisator_innen vom Ratschlag und der Gerberstraße, die mit der Vokü für das leibliche Wohl gesorgt haben!